Quoten-Frau. Das klingt genauso undankbar wie Quoten-Mann oder Quoten-Ausländer. Kein Mensch will sich vorwerfen lassen, er sei nur auf Grund einer vorgeschriebenen Quote da, wo er jetzt ist.
Darum ist es auch so leicht, gegen die Frauenquote zu sein. Denn natürlich wäre es viel besser, wenn wir das mit der Gleichstellung auch ohne Zwang und Kontrolle von oben hinbekämen. Natürlich wäre es viel besser, wenn immer die Person einen bestimmten Job bekommt, die für den Posten am besten geeignet ist. Wenn allein die Qualifikation über die Chancen bestimmt und nicht so etwas Unbeeinflussbares wie das Geschlecht.
Ja, so wäre es in der Tat am besten. Wäre. Denn so einfach ist es leider nicht.
Theoretisch haben auch alle jungen Menschen in Deutschland die gleichen Chancen auf Bildung und beruflichen Erfolg. Keiner verwehrt ihnen willentlich den Weg zum Abitur, zum Hochschulabschluss, zum guten Gehalt. You can get it if you really want! Und doch zeigen repräsentative Studien immer wieder, dass die Chancen nicht gleich sind, dass Kinder aus bildungsfernen Familien meist bildungsfern bleiben. Und selbst wenn sie ihren Abschluss gepackt haben, wird beim Bewerbungsverfahren sortiert: Nach dem Klang des Namens, nach dem Image des Wohnviertels, nach dem Beruf der Eltern. Auch das belegen Studien.
Genauso verlockend ist der Glaube an die Selbstregulierung der Märkte. Die Nachfrage regelt das Angebot, das beste Angebot gewinnt, Konkurrenz belebt das Geschäft, Fleiß und Qualität werden belohnt, Faulheit und Schlamperei bestraft. Um diese Illusion zu widerlegen, braucht es nicht einmal Studien. Die Zustände an den Börsen, in Europas Staatskassen oder auf dem US-Arbeitsmarkt zeigen überdeutlich, dass sich die Märkte ganz und gar nicht von selbst regulieren, sondern sehr wohl gesetzliche Kontrollen und Schranken brauchen.
Worauf ich mit diesen (sehr verkürzt dargestellten) Beispielen hinaus will: Es gibt sehr oft eine Kluft zwischen dem, was prinzipiell wünschenswert und auch irgendwie logisch wäre und der gelebten Realität. Und so ist es auch beim Thema Frauenquote.
Schon 2001, als noch Gerhard Schröder Bundeskanzler war, wurde die mehrseitige „Vereinbarung zur Förderung der Chancengleichheit“ verabschiedet. Neben Schröder unterschrieben die Präsidenten der großen Wirtschaftsverbände. Im Grunde stand da schon drin, was Familienministerin Schröder als „Flexi-Quote“ wieder groß ins Gespräch gebracht hat: Die Unternehmen sollen doch bitte freiwillig darauf achten, auch Frauen den Weg in die Führungsetagen frei zu machen. Klar, machen wir! Wollen wir!
Schließlich haben die meisten Unternehmen längst gemerkt, dass gemischte Teams messbar erfolgreicher sind.
Zehn Jahre sind seitdem vergangen und passiert ist wenig. Natürlich gibt es vorbildliche Unternehmen, gerade im Mittelstand, die wirklich etwas für Gleichstellung tun. In der Politik sind Elterngeld, Vätermonate und Krippenplätze etablierte Themen, die mehr oder weniger zielstrebig angepackt werden.
Aber auf den obersten Führungsetagen sind Frauen noch immer selten gesehen. Die gläserne Decke scheint unkaputtbar. Im Oktober waren weniger als vier Prozent der DAX-Vorstände Frauen. Das ist gerade mal ein gutes Prozent mehr als 2001.
Nicht nur Arbeitsministerin von der Leyen dauert diese schleppende Entwicklung viel zu lange. Sie ist nur eine von mehreren früheren Quotengegner/innen, die im Laufe der Jahre ihre Meinung geändert haben, weil die freiwilligen Selbstverpflichtungen keine befriedigende Wirkung zeigen.
Auch unter erfolgreichen Karrierefrauen (die persönlich ohne Quote sehr weit gekommen sind) mehren sich Äußerungen wie die der Anwältin, Aufsichtsrätin und Unternehmerin Susanne Weiss im manager magazin: „Ich bin vom Saulus zum Paulus geworden. Es muss Druck her, sonst ändert sich gar nichts.“
Natürlich soll eine Quote kein Dauerzustand, sondern eine Brückenlösung sein.
Aber solange die Unternehmen nur schwammige Ziele formulieren, ohne sich auf konkrete Bereiche (wie Vorstand oder Aufsichtsrat) festzulegen; solange Frauen die seit Ewigkeiten tradierten männlichen Karriereregeln imitieren müssen, um erfolgreich zu sein; solange ständige Verfügbar- und Erreichbarkeit, 80-Stunden-Wochen und Meetings nach 19 Uhr für Topkräfte die Regel statt die Ausnahme bleiben, solange wird es keine geschlechtlich ausgewogenen Führungsetagen geben.
Natürlich stimmt auch das häufig vorgebrachte Argument, es gebe für bestimmte Posten einfach zu wenige weibliche Bewerber. Denn erst langsam steigt der Frauenanteil in den naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen. Und möglicherweise liegt auch die Zahl der Frauen, die gar keine Führungsverantwortung wollen, höher als die Zahl der Männer, die auf klassische Karriere keine Lust haben. Doch auch wenn man all das berücksichtigt, bleiben genügend Hürden auf dem Weg nach oben, die eine Frauenquote überwinden würde. Eine Studie des Sozialforschers Carsten Wippermann für das Bundesfamilienministerium zeigt, dass Frauen kaum eine Chance haben, Autorität und Weiblichkeit glaubwürdig zu vereinen. Die Studie formuliert für eine karrierebewusste Frau in männerdominierter Umgebung zwei Optionen: „Sie ist eine gute Führungsperson – dann ist sie ein halber Mann und verrät ihr weibliches Wesen.“ Oder: „Sie wirkt weich und weiblich – dann kann sie eigentlich keine gute Führungskraft sein. Wenn sie aber dennoch erfolgreich ist, dann sind ihre Weiblichkeit und ihr Charme eine gezielt täuschende Kulisse für einen dahinter liegenden harten Charakter. Damit ist solch eine Frau suspekt und mit Vorsicht zu behandeln.“
Wenn durch eine gesetzliche Quote mehr Frauen schneller in die Führungsetagen aufsteigen, steigt gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, dass sich die männlich geprägten Spielregeln der Macht sukzessive ändern. So dass sich Karrierefrauen künftig weder verstellen müssen, noch als ungewohnt agierender Fremdkörper Misstrauen auf sich ziehen.
Bleibt zum Schluss noch der Blick über den deutschen Tellerrand: Andere Länder leben sehr gut mit der Quote. Als Vorreiter gilt Norwegen. Auch dort haben die Regierungen lange auf die Freiwilligkeit der Unternehmen gesetzt. Doch die ließen eine mehrjährige Frist verstreichen, ohne die ausgehandelte Quote zu erreichen. Seitdem gilt in Norwegen eine gesetzliche Quote – heute sind gut 40 Prozent der norwegischen Aufsichtsräte Frauen.
von Laura Koppenhöfer
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